Blogs als Diskurs-Plattform - Erklärungsversuch

28 November 2006
;" In einer privaten Unterhaltung bat mich Settembrini, ihm zu erläutern, warum ich es für Unsinn halte, Inhalte in der Kombination blog+forum zur Diskussion zu stellen.


Ich will also versuchen, zu beschreiben, wie Foren und Blogs funktionieren und zu zeigen, warum sie in ihrer Kombination besonders kaputt sind. [Ich habe horizontal und vertikal falsch benutzt. Wer das bemerkt hat und sich nicht verwirren ließ - herzlichen Glückwunsch!]


Webforen haben ihre eigenen Betreiber, die nicht nur eine Struktur in Subforen vorgeben, die die Schreibenden nicht immer nachvollziehen können oder teilen wollen. Um nicht als anonymer Schatten dazustehen, muß man sich anmelden und wird einer Selektion durch die Betreiber ausgesetzt. Die Organisation ist also streng hierarchisch und von zentraler Stelle verwaltet. Die Hierarchie ist vertikal geordnet: Die Mächtigen Mods oben; die verfemten Forumuser unten.




Blogs sind individuell, jeder kann sich sein eigenes machen (die kostenlosen Anbieter sind Legion), und eigentlich haben alle Blogs eine Kommentarfunktion, also ist jeder Artikel in einem Blog wie ein Diskussionsthread in einem Forum, in dem alle Threads von der gleichen Person begonnen werden. Gestaltungsmäßig sind die Kommentare meist den Hauptartikeln untergeordnet, aber dieser Teil der Blog-Interaktion ist gar nicht soo der spannende, sondern ist da, um Gelegenheitsschreibern ohne Blog auch die Möglichkeit geben, sich zu äußern. Wer will, kann in seinem Blog übrigens auch Registrationspflicht und andere Späße einführen, um anonymes Posten, Werbung etc. zu vermeiden (kann durch die Verwendung von schlechter blogsoftware natürlich anders sein, ich spreche von der besten Blog-Software der Welt).


Der eigentlich spannende Teil von Blogs sind Trackbacks: Wenn ich in meiner Blogsoftware einen Artikel verfasse, der auf einen Artikel in Deinem Blog verlinkt, meldet meine Software das bei Deinem Blog und bei Deinem Eintrag wird mein Artikel verlinkt. Genauso wird ein Trackback gesetzt, wenn ich etwas zu einem älteren Artikel schreibe, den ich verlinke - ich bekomme (automatisch) ein Netz, dass meinen Artikel umgibt – ältere und neuere Artikel von mir, Kommentare, Links von anderen Seiten. Das nennt man kurz 'horizontale Struktur' – die Blogs stehen gleichberechtigt nebeneinander, innerhalb ihrer eigenen Blogs sind alle autark, und verwalten sich und ihre Anbindung an die Außenwelt selbst.




Die horizontale Struktur hat gegenüber der vertikalen verschiedene Vorteile. Bei den horizontal verknüpften Blogs gibt es keine Grenzen, sondern Brücken, die den Diskurs nachzeichnen, mir also zeigen, wer wo wann auf wen Bezug genommen hat. Desweiteren ist niemand darauf angewiesen, von jemand anders manuell verwaltet zu werden. Trotzdem(!) hat man aber die Chance, moderierend einzugreifen, ohne gleich zensieren zu müssen, nur weil die Software diese Worte verwechselt. Wer aber sehenden Auges durchs Netz zieht, wird sehen, dass der Diskurs an anderer Stelle weitergeführt wird, auch wenn ich meine TrackBacks händisch pflege und aussortiere, was mir nicht paßt - der Link von der Gegenseite bleibt bestehen, der Kontext des Fremdartikels ist nicht gestört.


Für mich als Teilnehmer an einer Diskussion heißt das: Im Schlimmsten Fall entfernst Du meinen Trackback, mein Artikel bleibt aber in meinem Verantwortungsbereich erhalten. Ich müßte mich also schon selbst zensieren, um mundtot gemacht zu werden.... (das selbe gilt für den Verfasser eines Ursprungsartikels).


Zum Schluß sammle ich in einer vertikalen Struktur automatisch Hinweise auf weitere Quellen, die für mich interessant sein können. Wenn Du zum Beispiel in Deinem Blog was über ARS schreibst, und Myrmidon das in seinem Blog verarbeitet, dann komme ich über link und trackback ganz automatisch vom einen zum anderen, ohne dass Du auf Myrmidon zurückverlinken müßtest. Also haben Leser sowohl von Dir als auch von Myrmidon sofort was davon: einen 'semantischen Bezug' und die Erkenntnis, dass sich schon jemand anderes Gedanken zu Deinem Thema gemacht hat (oder zu Myrmidon), die möglicherweise weitere Aufmerksamkeit verdienen.


Kristian Köhntopp beschreibt in einem Kommentar zu einem Artikel seines blogs in besseren als meinen Worten, wieso blogs als Foren überlegenes Diskurssystem funktionieren können:


Du behauptest, ein Autor hätte in einem Blog Kontrolle über den Diskurs, etwa indem der Kommentare sperrt oder löscht. Das verhindert Gegenrede natürlich nicht. Ich kann in meinem eigenen Blog ohne weiteres Gegenrede veröffentlichen und Deinen Artikel verlinken. Du kannst den Trackback bei Dir dazu löschen, aber das verhindert die Gegenrede nicht und es stoppt keinen Diskurs. Ein Autor hat vielleicht die Kontrolle über sein Blog, aber nicht über den Diskurs. Das wäre auch schlimm.


Aus dem obigen Text kann man leicht erkennen, dass ich überzeugt bin, dass blogs Foren für eine offene, respektvolle Diskussion unter Gleichbereichtigten überlegen sind. Wenn man blog mit Foren kombiniert, passiert folgendes: Du schreibst autokratisch in Deinem Blog, unabhängig davon wird im Forum diskutiert: Die Vorteile der horizontalen Struktur gehen verloren, und die Nachteile der vertikalen Struktur kommen dazu. Außerdem ist Dein Blog in der Blogosphäre (der Gesamtheit aller blogs) isoliert, weil Du nicht die bloggerüblichen Diskurstechnologien benutzt.


Ein Beispiel: Frank schreibt in seinem blog gerne mal was zum Thema Rollenspieltheorie. Es gibt drei Möglichkeiten, sich an der Diskussion zu beteiligen: Im anhängenden Forum - dann ist der Erkenntnisgewinn durch den Medienbruch für alle Mitlesenden weit, weit weg, weil es keine Links zu den Inhalten der Diskussion gibt, und im Forum der Kontext in Form des ursprünglichen Artikels auch nicht zwingend vorliegt.


Eine Klasse besser sind schon die Kommentare, die wenigstens erscheinen, wo man sie erwartet - räumlich in der Nähe der Artikel. Frank selbst schreibt in einem Kommentar zu seinem einjährigen Blogger-Dasein, dass er entweder vor Ort zum Thema schreibt (das wäre dann in der blog-Sicht ein Kommentar), oder seine eigene Meinung in seinem Blog veröffentlicht. Diese Meinung steht ohne Hin- und Rück-Verlinkung aber allein da, und ich kann vielleicht Franks Meinung und die Original-Nachricht finden, wenn er sie verlinkt, aber auf der Originalseite gibt es keinen Link auf Franks wertvollen Beitrag. Schade, oder?


Dass Franks Blogsoftware möglicherweise keine Trackbacks beherrscht, ist übrigens eine ganz andere Diskussion, die wir wirklich besser den Technikern überlassen sollten. 

Trackbacks

  1. Kommentare und Zensur
    Bin heute beim Bloghopping auf einen Eintrag im Blog vom Thomas Kurbjuhn gestossen, in dem er sich zu seinem Rauswurf aus den Kommentaren vom Schockwellenreiter auslässt.Mal alle politische Propaganda (Kurbjuhn ist freundlich formuliert wohl eher rechts e

Kommentare

Ansicht der Kommentare: (Linear | Verschachtelt)

  1. Frank: *Ich gebe zu, durch meine Technik-Legasthenie bin ich in diesem Geschäfts gehandicapt. Ich habe jetzt schon mehrfach gesagt bekommen, dass myblog.de scheiße sei. Andererseits fand ich es damals vorteilhaft, weil es Zusatzseiten erlaubt, was die meisten anderen Blog-Anbieter nicht haben.

    Also bleibt für mich bis auf weiteres nur die manuelle Verlinkung...

  2. Harald Wagener: *Mein Angebot, Dir ein blog zur Verfügung zu stellen, steht immer noch. Das hätte dann sogar eine vernünftige URL...

  3. Frank: *Kann man denn die bisherigen Beiträge von meinem Blog exportieren?

  4. Harald Wagener: *Ich hab mal kurz ein eigenes myblog-blog angelegt. Auf den ersten Blick sehe ich keine Möglichkeit, die Inhalte zu exportieren - das sollte sich aber rausfinden lassen. Ansonsten muß ich halt was basteln. Die Daten sind ja da.

  5. Harald Wagener: *Huch, myblog.de kann sogar TrackBacks - naja fast; die übermittelte URL ist fehlerhaft und ich mußte sie von Hand reparieren.

    Und gleich probiere ich auch nochmal den TrackBack auf den myblog-Artikel aus - immerhin findet man die TrackBack-URLS leicht und einfach, wenn man nur schon bei den Kommentaren landet. Im Sinne meiner Beschreibung ja fast logisch, oder?

  6. Harald Wagener: *tja, das ward wohl nix. Es gibt ein TrackBack-URI, aber wenn s9y versucht, mit dem zu kommunizieren, wird das nicht als TrackBack-URI erkannt.

    Schade eigentlich, aber in seiner FAQ spricht myblog.de auch nur von TrackBacks zu anderen myblog.de-blogs. Irgendwas ist da kaputt...

  7. Harald Wagener: *Vielen Dank an

  8. Harald Wagener: *Andreas kann nur in seinem Forum antworten:

    http://hofrat.rollenspiel-berlin.de/Forum/index.php?topic=344.msg8376#msg8376

    Ich muß den Text also offensichtlich nochmal überarbeiten...

  9. Harald Wagener: *Es geht weiter:

    http://hofrat.rollenspiel-berlin.de/Forum/index.php?topic=344.msg8397#msg8397

  10. Frank: *Ich finde übrigens das Forum als Ort zum Gedankenaustausch in vielerlei Hinsicht dem Blog überlegen. Der wichtigste Punkt ist, dass sich dort die Diskussion für den interessierten Leser am Stück präsentiert. Man kann sie als Fließtext lesen. Jedenfalls dann, wenn die Poster Disziplin bewahren, ist das m.E. später wesentlich besser nachzuvollziehen als eine verschachtelte Diskussion als Baumdiagramm und dann noch mit Querverweisen zu anderen Diskussionen.

    Überdies bietet ein Forum eine Plattform für verschiedene Teilnehmer am gleichen Fleck. Ich muss nicht 20 Seiten lesen, um den Überblick zu behalten, was aktuell eigentlich so in der Diskussion ist. Dann natürlich sinnvollerweise auch wirklich nur Forum, und nicht Forum und Blog.

    Andererseits gehen in einem wirklich großen Forum die wirklich sinnvollen Beiträge leicht unter, deswegen habe ich mich am Ende dann doch für ein Blog entschieden. Schade ist, dass es sich um eine solche technologische Krücke handelt, bei der die User z.B. ihre Beiträge nicht editieren können.

    Mein Forum habe ich eingerichtet, weil ich dachte, dass sich dort vielleicht etwas entwickelt, eine kleine Community von wirklich engagierten Leuten, die dort ihre Ideen posten. Hat nicht geklappt, so what. Hat ja auch nichts gekostet.

  11. Harald Wagener: *Foren sind für hochvolumige Diskussionen mit sehr vielen Teilnehmern sicher oft im Vorteil. LiveJournal (als geschlossene Blog-Plattform) hat einen Haufen Beiträge mit vielen Kommentaren, ist mir aber auch irgendwie suspekt.

    Ich empfinde Webforen ja immer noch dem Usenet unterlegen, aber da darf ich mich wohl zum alten Eisen zählen (obwohl es da auch organisatorische wie - je nach newsreader - technische Vorteile gibt).

    Hier im Blog kannst Du Dir übrigens aussuchen, ob die Einträge linear oder verschachtelt dargestellt werden.

    Für mich ist es insbesondere in langen Diskussionen durchaus von Vorteil zu sehen, ob Du auf meinen Beitrag geantwortet hast, oder vielleicht auf einen von Andreas, der älter ist (und unsere Artikel nur deswegen aufeinander folgen, weil wir ungefähr gleichzeitig was geschrieben haben). Da stinken die meisten Foren nämlich ab.

    Die Querverweise zu anderen Beiträgen und möglicherweise weiterführenden DIskussionen sind ja auch von der Darstellung her getrennt. Das finde ich deutlich angenehmer als zum Beispiel die Situation in Set's Forum, der in seinen Blog-Beiträgen immer einen Kessel Buntes an Themen behandelt, die dann kreuz und quer in einer Diskussion abgehandelt werden.

    Und in Deinem Forum habe ich hauptsächlich deswegen nix geschrieben, weil *noch ein Forum* mit User-Verwaltung, subtil anderer Bedienung und Flash-Werbung mich einfach abgeschreckt hat.

    Und noch eine Anmerkung: Mir ging es mehr um die Kombination von Blog+Forum, nicht um forum bashing an sich. Das hätte ich ganz anders aufgezogen.

    EDIT: Dieser Satz kein Verb + ein klärender Satz am Ende.

  12. Azundris: *Dass Du zumindest in diesem blog die Kommentare wahlweise auch "linear" lesen kannst, hast Du aber gesehen?

    Und "ich muss dann nicht zwanzig blogs lesen" erscheint mit als Argument nicht schlüssig. Einerseits ist es dann nämlich auch besser, eine newsgroup zu lesen, als fünfzehn Foren. Andererseits kann ich alle zwanzig webblogs in einem einzigen feedreader vereinen (und steuere dann gar nicht einzelne weblogs an, sondern schaue nur, ob der feedreader Neuigkeiten meldet) -- das geht mit Foren üblicherweise nicht. Linksrum wie rechtsrum -- für das genannte Problem sind Foren dann eher die schlechteste Lösung?

  13. Axel Eble: *Gibt aber auch Foren mit rss-feeds. Nur sind selbige nicht so verbreitet wie bei Blogs.

    Mich stört eher die n+1te (für n>>1) Anmeldung zu irgendwelchen Foren, auf denen ich nur mal kurz einen Kommentar eintüten möchte - und das meist mit einem Wust an persönlichen Daten.

  14. Harald Wagener: *Das einzige Forum, bei dem ich einen RSS-Feed gesehen habe, ist rpg.net. Dort kann ich aber weder Subforen/Channels, noch einzelne Diskussionen abonnieren, sondern nur das gesamte Forum.

    Das hilft mir eigentlich gar nicht weiter. Bei Blogs mit gemischtem Inhalt bin ich nachsichtiger, weil das Gesamtvolumen nicht so reinhaut. Trotzdem ziehe ich es vor, nach Kategorien oder Tags getrennte Feeds zu bekommen.

    Und fasse mich mal an die eigene Nase, weil ich selber keine Kategorien verwende...

  15. Stefan: *Das GroFaFo und die Blutschwerter bieten auch einen armseeligen Feed über irgendwelche neuen Beiträge.

  16. Frank: *Muahaha, ich und Technik. Hm, ja. Wenn ich könnte, könnte ich. ;-P


Kommentar schreiben

Kommentar

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Pavatar/Gravatar/Favatar/MyBlogLog Autoren Bilder werden unterstützt.
BBCode-Formatierung erlaubt









RSS-Feed